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Ai WeiWei – Never Sorry

Ai WeiWei

Ai WeiWei

 

Kunst ist Leben und Leben und Kunst sind eins. Eine Aussage, die wenige Menschen so sehr verkörpern wie der chinesische Künstler Ai Weiwei. Hierzulande eher als Regimekritiker und Dissident bekannt als für sein künstlerisches Schaffen. Dabei findet sich Ai’s Kritik am System stets in seiner Kunst wieder und seine Werke entstehen immer aus dem tagesaktuellen Geschehen in der Volksrepublik. Diese Einheit von Kunst und Leben will der Dokumentarfilm Ai Weiwei – Never Sorry der Regisseurin und Journalistin Alison Klayman dem Publikum nahe bringen.

Sie zeichnet ein sehr detailliertes Bild des Menschen Ai im Verhältnis zu seinem Umfeld und zu seiner Kunst. Sie zeigt einen Menschen, der sich mit einem System nicht abfinden will, nicht abfinden kann, welches freie Meinungsäußerung einschränkt und Querdenker radikal einzuschüchtern versucht.

Am 12 Mai 2008 um 14:28 Ortszeit bebte in der chinesischen Provinz Sichuan, etwa 1550 Kilometer südwestlich von Peking, die Erde. Mehr als 85.000 Menschen starben, über fünf Millionen wurden Obdachlos. Unter den Toten waren auch viele Kinder, die von einstürzenden Schulgebäuden begraben wurden. Verschiedene Bürgerrechtler und Aktivisten untersuchten den Fall und fanden heraus, dass viele Schulgebäude aufgrund von Korruption innerhalb der Lokalregierung mangelhaft gebaut waren und im Gegensatz zu benachbarten Gebäuden dem Erdbeben nicht standhalten konnten.

Vermutlich aufgrund dieser Nachforschungen wird der Bürgerrechtler Tan Zuoren verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ und „Subversivem Verhalten“.

Die Fassade eines Münchner Museums verkleidete Ai Weiwei, während einer Ausstellung mit Rucksäcken, wie sie chinesische Kinder tragen.

Die Fassade eines Münchner Museums verkleidete Ai Weiwei für eine Ausstellung mit Rucksäcken, wie sie chinesische Kinder tragen.

Ai Weiwei hatte Tan bei seinen Untersuchungen unterstützt, indem er ein Register aller getöteten Schulkinder erstellte, was die Regierung selbst verweigert hatte.

Zudem sollte er 2009 in dem Prozess gegen Tan Zuoren aussagen, wurde aber von der örtlichen Polizei am Erscheinen vor Gericht gehindert und von einem Polizisten so heftig geschlagen, dass er sich im September 2009 einer Operation wegen Hirnblutungen unterziehen musste.

Seit dem Beben hat Ai Weiwei zusammen mit Freiwilligen ein jährliches Projekt zum Gedenken initiiert. Etwa eine systematische Auflistung aller Kinder, deren Leben das Erdbeben forderte, sowie Audioaufnahmen, bei denen Freiwillige in einer Endlosschleife jeden einzelnen Namen vorlesen.

Er hat mehrfach versucht, auf Körperverletzung gegen die Staatsmacht zu klagen, jedes Mal erfolglos. Wiederholt sah er sich Repressalien ausgesetzt, unter anderem wurde er dazu gezwungen, sein eigenes Atelier in Shanghai abzureißen, was er jedoch nutzte, um die Öffentlichkeit erneut auf Missstände aufmerksam zu machen, indem er eine Art Abrissparty ausrichten ließ. Er selbst konnte daran allerdings nicht teilnehmen, da er unter Hausarrest gestellt wurde.

Am 3 April 2011 wurde Ai Weiwei in Beijing verhaftet und an einen unbekannten Ort gebracht. Trotz internationaler Proteste blieb er zweieinhalb Monate, bis zum 22. Juni 2011, in Haft. Er kam nur gegen Kaution und unter strengen Auflagen frei, so durfte er nicht mit Journalisten reden und durfte Peking auf ein Jahr nicht mehr verlassen. Ihm werden, sehr wahrscheinlich als Vorwand, Steuerflucht sowie inzwischen auch illegaler Devisenhandel und die Verbreitung von Pornographie vorgeworfen. Zudem wird er bis heute daran gehindert, das Land zu verlassen.

Der Film Never Sorry begleitet Ai Weiwei über diese drei Jahre hinweg, von dem Erdbeben in Sichuan 2008 bis zu seine Festnahme und späteren Freilassung unter Bedingungen im Jahr 2011. Dabei werden aber immer wieder auch, anhand von Fotos oder alten Filmaufnahmen, Blicke auf Ais Vorgeschichte, seine Entwicklung als Künstler und auf seine Familiengeschichte geworfen, was hilft, seine Motivation als Aktivist zu verstehen.

Ai Weiwei kommt einem dabei nicht nur als Aktivist und Künstler näher, sondern auch als Mensch. Der Film beleuchtet ihn nicht nur auf intellektueller, sondern auch auf emotionaler Ebene und offenbart dabei einen Menschen, der sehr stur und kämpferisch ist, aber auch humorvoll und sensibel für die Gefühle und Bedürfnisse anderer. Auch zeigt der Film einen verletzlichen Menschen, der durchaus mit Ängsten zu kämpfen hat.

Trotz seiner Dissidentenrolle ist Ai Weiwei beileibe kein Mann ohne Furcht, der mit dem Kopf gegen die chinesische Mauer staatlicher Unterdrückung rennt, ohne dabei Schmerz zu spüren, im Gegenteil; er hat sehr viele Sorgen und Ängste, um sich, um seine Familie, um seine Freunde und Helfer. Aber er besitzt auch einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und eine tiefliegende Liebe zu China. Vielleicht ist das der Grund, warum er trotz vieler Einschüchterungsversuche mit seiner Arbeit fortfährt, er kann gar nicht anders angesichts der allzu oft ungerechten und häufig menschenverachtenden Obrigkeit in seinem Heimatland China.

Meilenstein – Honda NX650 “Dominator”

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Die rote Zora im Profil

Kurz vor der erfolgreichen Beendigung meines kleinen Motorradführerscheins, irgendwann im Frühling 2006, stehen wir bei einem Bekannten im Vorgarten. Er macht die Scheune auf, läuft kurz hinein und schiebt ein rotes Monstrum raus auf den Rasen. Kräftig leuchtet’s – und das nicht nur wegen der Farbe. Mein Vater und ich, wir sind beide hin und weg. “Na? Hab’ ich zu viel versprochen?” fragt unser Bekannter. Ich entgegne locker, in jugendlich frecher Manier: “Nur wenn sie jetzt nicht anspringen mag” und lache. Und das tut sie partout auch nicht. Die Batterie ist vom Jahre währenden Winterschlaf so schlapp, dass keine Leuchte so recht angehen mag – aber immerhin hat die Rote einen Kickstarter. Drum versuchen die beiden Herren der Schöpfung, wild darauf herumhüpfend, der Karre endlich wieder Leben einzutreten. Mir kribbelt’s in den Fingern, aber irgendwann geben sie zum Glück genervt auf und ich darf auch mal mein Glück versuchen. Ich habe gehörigen Respekt vor der Maschine und versichere mich vorsichtshalber, ob auch ja kein Gang eingelegt ist. Beim Draufsatteln federt sie sanft unter mir ein. Versuch Nummer Eins: Ein leises Husten, mehr ein Krächzen. Beide Lachen – nur ich bleib ernst. Versuch Nummer Zwei missglückt vollends. “Lass mal, die müssen wir überbrücken”, sagt einer der Beiden. Ich nehm noch mal mein ganzes Körpergewicht und bündle es in den rechten Fuß, hebe mich vom Boden gefährlich weit ab (ich komme beim Sitzen noch nicht ganz mit den Füßen auf den Boden), tippe wie befohlen über den Punkt hinweg und trete dann mit voller Wucht den Stab nach unten. Plötzlich platzt der Motor aus dem Schlaf raus, hustet den Staub der Zeit aus den zwei schwarz mattierten Endrohren und bollert wütend vor sich hin, wie ein T-Rex, der nicht geweckt werden wollte. Keiner lacht mehr – und das zu Recht, wie ich finde. Als Dank werde ich schleunigst von unserem Bekannten vom Motorrad gescheucht – auch er wirkt auf einmal wieder gallig aufs Fahren. “Die ist ganz schön laut” grinst mein Vater. Ab hier war klar: Kommt die Kiste über den TÜV, kommt sie in unsere Garage. Diese Vorentscheidung verfestigt sich nur noch umso mehr, als unser Bekannter beim Anfahren mal eben schnell den Rasen umgräbt – mit dem Hinterreifen, versteht sich.

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Dominant – auch auf der Landstraße

Aber spulen wir die Zeit doch mal zurück, ins Jahr 1988. Der Enduro Markt ist gut gesättigt. Einzylinder Enduros aus Mattighofen sind noch in rar, die GS noch keine 1200er, aber Honda und Yamaha teilen sich den Großteil der zugelassenen Allroundmotorräder. Und das ist auch gut so: Die Ur-Ténére erblickte gerade einmal 5 Jahre zuvor das Licht der Welt und veränderte eine ganze Motorradsparte. Sie wirkte zwar noch recht konservativ und für heutige Verhältnisse altbacken, tat aber ohne Murren ihren Dienst. Trotzdem tüftelten da bereits beide Hersteller an neuen Modellgenerationen, wovon Honda dann im besagten Jahr, nur ein Jahr nach der Transalp, einen kleinen Meilenstein neben diese in die Ahnengalerie setzen sollte.

Ganz großspurig kam Honda dann auch daher und präsentierte ihr neues Eisen im neugegründeten “Funduro”-Segment, wie es sich für eine Enduro gehört: Pressebilder zeigten einen schwer an Dakar erinnernden Fahrstil samt Sandfontänen in der heißen Arabischen Wüste. Feuerrotes Plastikkleid, zwei Endrohre (damals noch unerhört!) und ein bulliger Einzylinder samt massigem Drehmoment ließen einigen sofort das Wasser im Munde zusammenlaufen. Und dann war da noch dieser Name. Dominator. Allein deswegen waren die Erwartungen verständlicherweise enorm hoch.

Viele Fachzeitungen lobten dann auch das Fahrwerk auf und neben der Strecke. Ich indessen wurde mit meiner Domi abseits der Strecke nie sonderlich warm. Zu schwammig, beinahe ein wenig Bungieseil-mäßig. Das hatte zur Folge, dass ich im Dreck abseits der Strecke mehr oder minder eigentlich nur mitschwimmen konnte – wildes Pendeln bei zu schneller Fahrt inklusive. Und trotz Verstellmöglichkeit am hinteren Federbein konnte werkseitig bei mir keine Abhilfe geleistet werden. Lediglich die Spannung des hinteren Federbeins war leicht in der Abstimmung zu verstellen – und das auch nur zwischen ganz schwammig ohne Sozia und ganz schwammig mit Sozia. Ein reines Gelände-Motorrad war die Dominator also für mich eindeutig nicht – aber das sollte sie auch nie sein: Mit vollgetankten 180 Kilogramm ist sie zwar keine Adipositas-Kandidatin, für den echten Einsatz neben der Piste dann aber doch noch zu fettleibig.

Wer hingegen im normalen Stadtverkehr unterwegs ist, bekommt von diesem Manko wenig mit – das Fahrwerk bügelt einfach alles glatt, was der körpereigenen Federung oder dem Popöchen Schmerzen bereiten könnte. Bestrafend wirkt das Ganze eben nur dann, wenn man zügiger auf der Landstraße unterwegs ist. Wobei dieser Umstand auch dem monströsen 21 Zoll Vorderrad zu verdanken ist. So geschehen zum Beispiel bei einer Tour durchs Harz. Man stiefelt permanent mit drei Nummern zu groß geratenen Gummis um die Ecken und vergeigt bei zu ambitioniertem Fahren eine Kurve nach der Anderen. Es gilt also ganz klar: Vorsicht walten lassen, und nicht glauben, man könne mit Supersportlern mithalten.

Und dennoch ist die Domi trotz des, nett ausgedrückt, bescheidenen Fahrwerks durchaus langstreckentauglich – wäre da nicht der klitzekleine 16 Liter Tank (mit Reserve eingerechnet), der einem auf langen Etappen unnötig oft zur Pause zwingt. Auf dem Weg von Hvar (Kroatien) zurück in die Heimat nach Bochum waren wir gezwungen, alle 180, spätestens 200km eine Tankstelle aufzusuchen und vollzumachen. Zu allem Überfluss fehlt eine Verbrauchsanzeige natürlich ebenso wie eine Tankuhr. Wer also den Intervall-O-Meter meint nicht benutzen zu müssen, braucht entweder ein gutes Gespür oder die ADAC-Hotline auf der Kurzwahltaste. Dafür kann man recht ordentlich zuladen; im Zubehör findet man noch heute beispielsweise von Hepco & Becker gefertigte Universal-Gepäckbrücken und Kofferträger. Sitzen tut man jedenfalls durchaus kommod, für längere Touren sollte man sich die Sitzbank in Tanga-Form aber ruhig etwas aufpolstern lassen. Der Hintern wird’s einem danken.

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Mit den richtigen Reifen kann man auch abseits der Straße wildern

Motorseitig ist bei Honda hingegen alles korrekt verlaufen: Bärenstarker Antritt, mächtiges Drehmoment und guter Sound lassen Einzylinderfans und zu überholende Autofahrer aufhorchen. Aufgebaut ist der 644ccm messende Eintopf als Viertakter, vier radial angeordnete Ventile werden von einer obenliegenden, kettengetriebenen Nockenwelle angesteuert. Fünf Gänge gibt’s zum Reinstampfen gratis oben drauf, gezündet wird per CDI. Gute Hausmannskost aus dem Hause Honda – und dazu auch noch sehr wartungsarm. Nicht ohne Grund eines der stärksten Argumente der Domi – zumal der Motor vielen durch Vibrationsärme in Erinnerung geblieben ist. Dazu gesellt sich ein moderater Verbrauch von Pi mal Daumen 5,5 bis maximal knappe 7 Liter Benzin auf den heimischen Testrunden und über die gefahrenen zig Tausend Kilometer. Rechnet man die nette Abgasanlage rein, denn mit der Karre macht man an jeder Ampel Lärm, geht der Wert auch heute noch für 45 PS in Ordnung. Das Getriebe ist durchaus klassentypisch abgestimmt und weiß mit einem guten Druckpunkt, lockerer und vor allen Dingen schneller Gangübernahme definitiv zu überzeugen. Wheelie-Einlagen gehören für Waghalsige dank der recht kurzen Übersetzung im ersten Gang genauso ins Programm wie Stoppies – beides machen Motor, Getriebe und schlussendlich die Bremse auf Wunsch locker mit. Wer einen knackigeren Druckpunkt und bessere Leistung der Bremse wünscht sollte aber unbedingt über eine Umrüstung auf Stahlflexleitungen nachdenken. Zwar ist die Einscheibenbremse von Haus aus ordentlich, profitiert aber von den neuen Leitungen erheblich. Mir sei an dieser Stelle aber verziehen, dass ich keine genauen Messungen vorgenommen habe. Für Sprinter: Wer die maximal anliegenden 53 Newtonmeter geschickt einsetzt, katapultiert sich in unter sechs Sekunden auf Tempo 100. Das erfordert zwar schnelles Schalten, ist aber locker im Bereich des Möglichen. Die Endgeschwindigkeit liegt zwar bei Tacho 160 – ist aber nur was für hartgesottene Raser mit Stiernacken.

Hatte die Original RD02 aus dem Geburtsjahrgang noch einen Edelstahlkrümmer, Kickstarter und das originale Verpackungsdesign in Rot mit abstehenden Blinkern vorne, setzte Honda bei diesen Alleinstellungsmerkmalen in späteren Revisionen den Rotstift an. Auch die Produktion wird von Japan nach Italien verlagert, was die Verarbeitungsqualität verschlechterte, aber den Preis deutlich drückte. Zusätzlich fällt der Auspuff den in Deutschland strenger werdenden Abgasnormen immer wieder zum Opfer, ein Sekundär-Luftsystem wird eingebaut und später kommen “nur” noch 44 anstatt der 45 Pferdchen auf die Straße. Leider wird auch der Sound über die Jahre deutlich kastriert – potenzielle Käufer sollten daher nach den Versionen aus 1988 bis 1990 suchen.

 

Fazit:

Dominierend wirkte die Dominator leider keineswegs – dafür war die Fahrleistung zu durchschnittlich, der Tank zu klein und das Fahrwerk zu schwammig. Trotzdem gefällt die rote Zora immer noch durch ihr markantes Aussehen, allen voran der tollen Endrohre, des unverschämten Namens wegen und des tollen Sounds in der Erstauflage. Es ist also keineswegs eine Brot- und Butter-Maschine, noch irgendwie ein rational zu begründendes Gefährt. Ganz im Gegenteil, wie ich finde: Diese Maschine hat Ecken und Kanten, hat eine Seele und macht Laune – wenn man mit ihr umzugehen weiß. Dazu ist sie günstig im Unterhalt, nervt die Nachbarn mit lautem Gebrüll und ist einfach irgendwie ein bisschen anders, als alle anderen aus der Zeit.

Gute sechs Jahre stand die Dominator dann auch in der heimischen Garage. Viele Erlebnisse habe ich mit ihr geteilt, viele schöne Wochenendtouren absolviert, sogar nach Kroatien hat sie mich gebracht. Alles, ohne auch nur eine einzige Panne zu haben. Bei einem so alten Bike, und bei der Fahrleistung (mit mir deutlich über 40.000km) nicht selbstverständlich. Lediglich ein obligatorischer Ölwechsel hier, Stahlflexleitungen für die Bremse da – und das war’s eigentlich auch schon. Trotzdem lebt man sich zwangsläufig auseinander. Der erste Eindruck mit 34 PS damals war schlichtweg atemberaubend, die Entdrosselung auf volle 45 Pferdchen hingegen eine herbe Enttäuschung. Schlussendlich verläuft das Ganze aber wie mit allen großen, ersten Lieben: Man hat hohe Erwartungen, viele Wünsche – aber alles geht eben nicht. Aber andere Hersteller haben ja auch schöne Motorräder.

Text & Fotos: Moritz Schwertner

 

Der Autor ist seit mittlerweile gut sieben Jahren im deutschen Straßenverkehr mit Motorrädern unterwegs. Seit November 2011 arbeitet er als Freier Mitarbeiter bei der Zeitschrift Motorrad News.

Mörder ihrer Majestät – “Dishonored” – Die Maske des Zorns

 

Dishonored Collage fertig

„Gesucht für den abscheulichen Mord an unserer gerechten Kaiserin Jessamine Kaldwin: Corvo Attano.“

 

Dunwall ist die Hauptstadt eines Inselreiches, das aufgrund der Nutzbarmachung von Walöl einen enormen industriellen Aufschwung erlebte – bis die Seuche ausbrach. Zunächst bei Ratten beobachtet, dann in den Armenvierteln, breitete sie sich alsbald nahezu ungehemmt in der Stadt aus. Die Lage war so verzweifelt, dass ihre Majestät, Kaiserin Jessamine Kaldwin, ihren engsten Vertrauten und Leibwächter, den kaiserlichen Ratsherr Corvo Attano, aussandte, um auf den anderen Inseln nach einem Mittel gegen die Seuche zu suchen. Jetzt wartet sie auf dessen Rückkehr nach einem halben Jahr Abwesenheit. Hoffentlich mit guten Nachrichten.

An dieser Stelle setzt das Spiel ein. Vom Seeweg aus kommen wir über eine Schleuse direkt im kaiserlichen Palast an, wo man uns bereits erwartet. Doch zunächst werden wir von Emily begrüßt, der kleinen Tochter der Kaiserin und einzigen Erbin des Thrones. Sie hat ihren Beschützer und Freund ziemlich vermisst. Doch ihre Mutter wartet schon. Auf dem Weg zu ihr begegnen uns bereits einige Charaktere, die für die weitere Handlung von Bedeutung sind, wie etwa der Meistererfinder und Künstler Sokolov. Kaiserin Jessamine empfängt uns mit Freude. Doch ihr Lächeln wird von Sorgen überschattet. Wie sie uns berichtet, steht es um die Stadt nicht gut, die Seuche hat weiter um sich gegriffen, viele Gebiete stehen unter Quarantäne, mancherorts greift die Anarchie um sich. Wir hören ihren Bericht an und beraten uns über die nächsten Schritte im Kampf gegen die Seuche.

Plötzlich bemerken wir aus den Augenwinkeln eine Bewegung. Eine schwarze Gestalt nähert sich unnatürlich schnell dem Palast, über die Dächer benachbarter Gebäude. Noch bevor wir reagieren können, greifen mehrere Attentäter die Kaiserin an. Wir versuchen zu helfen. Zwei oder drei können wir erledigen, doch vergeblich. Aus einem Portal erscheint der Anführer der Truppe, rammt der Kaiserin ein Schwert in die Brust, schnappt sich die kleine Emily und verschwindet spurlos wieder im Nichts. Und wir stehen mit gezogener Waffe neben dem Leichnam der Kaiserin.

Sechs Monate später wachen wir im Gefängnis auf, kurz vor unserer Hinrichtung. Doch noch ist nicht alles verloren. Eine Wache bringt uns unser Essen, trocken Brot, Gefängnisnahrung eben. Aber was ist das? Ein Schlüssel verbirgt sich in dem Brot und ein Zettel, der uns einen Weg aufzeigt, aus dem Gefängnis zu entkommen; signiert von Unbekannt. Wir machen uns auf den Weg, aus dem Gefängnis zu entfliehen.

Und hier lässt Dishonored bereits erahnen was es zu einem Schleichspiel par excellence macht. In diesem noch sehr linearen Gefängnislevel ist uns bereits große Freiheit gegeben, wie wir vorgehen können.

In der Ego-Perspektive schleichen wir uns entweder an Wachen heran, betäuben sie mit einem sanften Druck um den Hals und lassen den Körper in einer dunklen Ecke verschwinden; oder wir umgehen sie komplett, ohne uns erwischen zu lassen, oder rammen ihnen unsere Klinge in den Rücken und fangen eine großangelegte Prügelei an. Wir können uns komplett durch das Level kämpfen, vollkommen ungesehen, wie ein Geist durch das Gebiet huschen, oder wir halten uns an den goldenen Mittelweg. Allerdings sollten wir nicht zu brutal vorgehen, sonst steigt unser Chaoslevel an. Und das bedeutet, gerade gegen Ende hin, misstrauischere Wachen, mehr von ihnen, und wir bekommen das dunklere und brutalere von drei möglichen Enden zu sehen.

Doch weiter in der Story: Endlich aus den düsteren Tiefen des Coldridge Gefängnis entflohen, machen wir uns mithilfe neuer Verbündeter auf den Weg, Emily zu finden und, als maskierter Schatten, Rache zu nehmen an den wahren Feinden der Kaiserin.

Eine industrielle Ästhetik prägt die Welt von Dishonored

Eine industrielle Ästhetik prägt die Welt von Dishonored

 

Die Geschichte – großartiger Auftakt, aber enttäuschende Weiterentwicklung

Dishonored bietet einen schönen Auftakt und eine wunderbare Prämisse für eine spannende wendungsreiche Story, die es dann leider nicht bieten kann.

Die Handlung ist sehr linear, ist oft etwas uninspiriert erzählt und bietet gerade mal eine, dabei auch noch vorhersehbare, Wendung. Es passiert leider öfters, dass dieses Spiel einem Appetithäppchen wie Charaktere und Storyansätze vorwirft, ohne dann mehr daraus zu machen.

Noch ziemlich zu Beginn treffen wir zum Beispiel auf den seltsamen Outsider, welcher uns mit magischen Fähigkeiten ausstattet. Dieser tritt in einer schön inszenierten Traumsequenz auf und wirkt reichlich mysteriös und wie ein immens wichtiger Charakter, spielt aber im restlichen Spiel kaum mehr eine Rolle. Er fungiert nur noch partiell als Beobachter, aber auch das wirkt nicht richtig ausgearbeitet. Ganz klar: Hier haben die Entwickler der Arkane Studios leider eine Menge Potential verschenkt.

Was man jedoch der Story zugute halten muss: sie funktioniert gut genug, um die einzelnen Missionen einigermaßen sinnvoll zusammenzuhalten. Und ab und an schafft sie es doch, uns mit kleinen Details zu überraschen, etwa wenn Emily zu uns gerannt kommt und verstecken spielen will oder sie ein Bild für uns gemalt hat, dass wir zufällig entdecken.

Im Verlauf der Handlung treffen wir auf einige Charaktere, die zwar alle auf den ersten Blick irgendetwas markantes und eigenständiges an sich haben. Doch das liegt wohl hauptsächlich an den sehr detaillierten Charaktermodellen und der guten Vertonung und weniger an dem, was sie zu sagen haben, oder an ihren Handlungen. Wie die Geschichte bieten sie alle gute Vorlagen, die leider nicht ausgeschöpft werden. Letztlich wird kaum ein Charakter uns am Ende wirklich in Erinnerung bleiben.

Leider bleibt auch Corvo Attano höchstselbst als Charakter auf der Strecke. Eigentlich muss man sagen, er hat keinen eigenen Charakter. Erstens spricht er im ganzen Spiel kein einziges Wort, zweitens bekommen wir ihn, aufgrund der Ego-Perspektive, fast nie zu Gesicht. (Das erste Mal übrigens auf einem Fahndungsplakat der Stadtwache). Was sich zunächst anhört wie ein absoluter Minuspunkt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung allerdings als zwiespältige Sache. Denn diese Nichtcharakterisierung Corvos führt dazu, dass man viel intensiver in die Spielwelt eintauchen kann und Entscheidungen und Handlungen sich viel mehr nach den eigenen anfühlen. Corvo verschwindet gleichsam in den Hintergrund und man wird selbst zur Spielfigur.

Andererseits gibt es Situationen, wie die Ermordung der Kaiserin und die falsche Beschuldigung danach, in denen man sich sehnlichst wünscht, aufzubegehren und den Gegnern seine Verachtung ins Gesicht zu spucken. Doch Corvo schweigt und lässt alles scheinbar widerstandslos mit sich machen. Und der Spieler selbst wird zum stummen Zeugen der Geschichte degradiert.

Zwar wird die Geschichte Corvos irgendwie auch zur Eigenen, aber dieser selbst bleibt dabei leider stumm und irgendwie farblos zurück.

 

Corvo Attano - Mörder ihrer Majestät

Corvo Attano – Mörder ihrer Majestät

Die Missionen – das Herz des Spiels

Seine Magie entfaltet Dishonored in seiner Spielwelt und in seiner großartigen Spielmechanik. Das schlagende Herz des Spieles sind die einzelnen Missionen. Getrieben von Rache und Sorge um Emily, räumen wir einen Bösewicht nach dem anderen aus dem Weg. Das funktioniert so, dass wir in dem jeweiligen Areal abgesetzt werden mit dem Auftrag, die Zielperson zu töten oder unschädlich zu machen. Wie wir dabei vorgehen, bleibt uns komplett selbst überlassen.

Ganz Dunwall steht uns leider nicht offen, aber innerhalb der einzelnen Gebiete können wir uns komplett frei bewegen, von hinderlichen Wachen mal abgesehen. Es gibt unzählige verschiedene Möglichkeiten, an unser Ziel zu gelangen. Entweder schleichen wir an den Wachen vorbei, suchen nach alternativen Wegen, sei es auf dem Boden, auf dem Dach oder als Ratte durch einen Lüftungsschacht. Es steht uns aber auch offen, die direkte Konfrontation zu suchen, was nicht immer einfach ist, sich aber dank des direkten und genauen Kampfsystems sehr angenehm spielt.

Die Levelarchitektur weiß dabei besonders zu überzeugen. Durch viele Vorsprünge und Rohre, die in verschiedenen Höhen angebracht sind, entsteht ein stark vertikales Gameplay. Wir können entweder am Boden von Versteck zu Versteck huschen oder wir klettern auf eine höhere Ebene und schleichen über den Köpfen der Gegner entlang. Dabei führen jedes mal viele verschiedene Wege zum Ziel. Dennoch steckt das Spiel die Grenzen eng genug, dass es nicht zu einfach wird und man beobachten und überlegen muss.

Die KI – solide aber nicht überragend

Die KI ist verhältnismäßig schlau, dabei aber auch nicht überragend. Sie reagiert auf verdächtige Geräusche und Bewegungen, aber beispielsweise überhaupt nicht auf verschwundene Kollegen. Das ist zwar einerseits in Ordnung, weil das Spiel sonst wohl unverhältnismäßig schwer geworden wäre, wirkt aber unglaubwürdig. Im Kampf wechseln sich die Gegner meist mit Angriffen ab, setzen dafür aber oft verschiedene Attacken und Waffen ein. Insgesamt ist die KI schon gelungen, aber nichts besonderes.

Viele Wege führen in das Golden Cat Bordell

Viele Wege führen in das Golden Cat Bordell

Corvo – die Magie des Outsiders

Als brachialem Kämpfer, aber vielmehr noch als heimlichem Assassinen, sind uns Corvos magische Fähigkeiten von großem Nutzen. So teleportieren wir uns ungesehen von einem Schatten zum nächsten oder auf den nächsten Vorsprung. Oder wir nutzen unsere Nachtsicht, um Wachen durch Wände hindurch zu beobachten und unser Vorgehen zu planen. Oder wir schlüpfen in den Körper einer Ratte, huschen ungesehen durch einen Lüftungsschacht zu einer Kontrolltafel für eine der für uns tödlichen Elektrowände, manipulieren diese, locken den Gegner durch einen Armbrustbolzen ins Knie zu uns und sehen aus dem Schatten zu, wie er zu Asche geröstet wird. Oder wir halten die Zeit an, wenn ein Gegner gerade auf uns schießt, rennen zu ihm, schnappen ihn und stellen ihn vor die noch in der Luft schwebenden Projektile und lassen der Zeit wieder freien Lauf. Es gibt sechs aktive Fähigkeiten und vier passive (schneller Rennen, mehr Lebensenergie etc.), die jeweils noch eine zweite Ausbaustufe haben. Alle Fähigkeiten sind gut ausbalanciert und laden zum Ausprobieren ein. Keine einzige Fähigkeit wirkt irgendwie aufgesetzt oder komplett nutzlos.

Doch all die spannenden Möglichkeiten wollen erst verdient werden. Das geschieht durch Runen, die wir in den einzelnen Spielabschnitten finden können. Mit diesen können wir nach und nach alle Talente erwerben. Aufgrund der begrenzten Anzahl von Runen ist es übrigens nicht möglich, alle Fertigkeiten in einem Durchlauf zu erwerben, und wir müssen Corvo entweder auf Kämpfen oder auf Schleichen spezialisieren. Zusätzlich gibt es noch sogenannte Knochenartefakte, von welchen wir drei bis maximal sechs ausrüsten können. Diese geben passive Boni, wie etwa eine schnellere Manaregeneration oder mehr Leben. Sie wirken sich aber für meinen Geschmack etwas zu wenig aus.

Abseits von seinen Fähigkeiten, steht dem guten Corvo noch ein ansehnliches Waffenarsenal zur Verfügung. Neben dem obligatorischen Schwert, sind das eine Armbrust und eine Pistole, die wir jeweils mit verschiedenster Munition bestücken können um Gegner entweder leise auszuschalten bzw. zu betäuben oder im offenen Kampf zu bezwingen. Dazu gibt es noch Granaten, Splitterminen und Kabelwerkzeuge, welche es uns erlauben, alle möglichen technischen Gerätschaften, wie die bereits erwähnten Blitzwände oder automatische Geschütztürme zu manipulieren und gegen unsere Gegner einzusetzen.

Um nach und nach alle „Spielzeuge“ zu bekommen, müssen wir in den Missionen ein bisschen darauf achten, unsere Taschen zu füllen, um mit dem verdienten Geld bei dem Erfinder Piero Waffen zu kaufen oder zu verbessern.

Dishonored versteht es meisterhaft Stimmungen zu erzeugen

Dishonored versteht es meisterhaft Stimmungen zu erzeugen

Die Welt – düster, eigenwillig, faszinierend

Nicht nur, um alle Runen und Knochenartefakte zu finden und genug Münzen zu sammeln, lohnt es sich, die einzelnen Areale genau zu erforschen. Es lohnt sich vor allem wegen der detaillierten Spielwelt, wo die Atmosphäre aus jedem einzelnen Abflussrohr zu quellen scheint. Das Szenario lässt sich am besten beschreiben mit viktorianischem Steampunk, angelehnt an das industrielle London aus einem Charles Dickens Roman.

Das ganze Art-Design strahlt eine düster morbide Romantik aus, welche im einen Moment zutiefst beklemmend wirkt, im nächsten jedoch eine eigenwillige Schönheit entfaltet. Zwar ist Dunwall eine Stadt mit einer Seuche und Rattenschwärmen, trumpft aber dennoch mit wunderschönen Sonnenuntergängen.

Das spiegelt sich auch in der dargestellten Gesellschaft wieder. Ein Großteil der Bevölkerung leidet unter der Seuche und der Obrigkeit, während die despotische Oberschicht feiert, als sei nun der Vorabend des Weltuntergangs. Geprägt wird die ganze Welt, die ganze Lebensweise ihrer Bewohner durch die Verwendung des Walöls und den dadurch entstandenen technischen Fortschritt, in dieser teilweise sehr dekadenten, überkommenen Gesellschaft. Automatische Kutschen, Züge und Stelzenläufer mit Flammenwerfern sind ein alltäglicher Anblick geworden.

Diese Welt erschließt sich in den Missionen, wo wir ständig mit diesem Gegensatz von Ober- und Unterschicht konfrontiert werden. Wir besuchen etwa einen Maskenball der Stadtelite, müssen aber zuvor durch ein heruntergekommenes Viertel, an Seuchenkranken und Ratten vorbei. Tieferes Hintergrundwissen über die Welt bekommen wir allerdings nicht gerade aufgedrängt. Es liegt vielmehr in den Seiten vieler Bücher verborgen, die wir unterwegs finden und lesen können. Außerdem finden sich immer wieder sogenannte Audiographspieler, mit welchen wir auf Lochkarten gespeicherte Aufnahmen abspielen können. Hier sei auch angemerkt, dass die deutsche Vertonung wirklich grandios ist. Jeder Charakter hat eine sehr glaubhafte Stimme bekommen und das gilt selbst für den letzten Nebencharakter in der hintersten Ecke.

Immer wieder werden wir auch in Nebenmissionen oder unabhängigen Ereignissen mit den Lebensumständen der Bewohner konfrontiert. In einem Gebiet beispielsweise treffen wir auf eine Gruppe Wachen, die eine Frau bedrohen. Wir haben nun mehrere Möglichkeiten: Entweder bleiben wir im Schatten verborgen und lassen dem Geschehen seinen freien Lauf; oder wir stürmen sofort auf die Wachen zu und helfen der Frau. Es könnte aber auch passieren, dass wir die Szene gar nicht zu Gesicht bekommen, weil wir einen ganz anderen weg durch das Level gewählt haben. Wenn man sich auf sie einlässt und nicht blindlings durch die Spielareale stürmt, bekommt man ein glaubhaftes und in sich schlüssiges Bild der Welt von Dishonored vermittelt.

Viele kleine Details tragen zur Stimmung bei.

Viele kleine Details tragen zur Stimmung bei.

Umfang und Schwierigkeitsgrad

Leider ist dieses wunderbare Spielerlebnis für meinen Geschmack viel zu kurz. Es gibt mit dem anfänglichen Gefängnisausbruch lediglich neun große Missionen. Bei einigen davon schickt uns das Spiel leider auch in Areale, die wir bereits besucht haben. Dieses Levelrecycling ist zwar etwas schade, wird aber nicht so oft eingesetzt, dass es übermäßig stört. Die Spielzeit ist allerdings sehr stark von Spielstil und Schwierigkeitsgrad abhängig. Wenn man sich vorsichtig durch das Spiel schleicht und sich auch die Zeit nimmt alle Areale genau zu erkunden, kommt man locker auf die zwanzig Stunden, die der Entwickler angegeben hat. Spielt man Corvo allerdings als Actionhelden auf Schwierigkeitsgrad leicht und rennt mit Schwert, Granate und Pistole durch die Missionen, kann man Dishonored sicherlich auch in weniger als zehn Stunden durchspielen.

Eine sehr schöne Sache, die ich noch erwähnen will, ist die Möglichkeit, die Elemente des Benutzerinterface wie Lebenspunktanzeige oder Fadenkreuz jeweils einzeln auszuschalten. Dadurch kann man, zusätzlich zu den vier Schwierigkeitsgraden, das Spiel an die eigenen Bedürfnisse anpassen und sich zusätzliche Herausforderungen schaffen. Komplett ohne Statusanzeigen und Zielhilfen, fühlt sich das Spiel auf einmal ganz anders an.

Meine Empfehlung ist es, auf jeden Fall die Missionsanzeige auszuschalten, denn dadurch wird man gezwungen, aufmerksamer auf Gespräche und Hinweise zu achten und die Gebiete ausführlicher zu erkunden.

Fazit:

Dishonored – die Maske des Zorns ist für mich definitiv einer der besten Titel des Jahres 2012. Das Spielgefühl ist wunderbar rund und gibt dem Spieler immer die volle Kontrolle, sei es beim Schleichen, sei es im Kampf; und das in der Ego-Perspektive. Die Fähigkeiten Corvos fühlen sich allesamt an wie aus einem Guss. Und der Spaß, den das Herumprobieren mit den Fähigkeiten macht, lässt mich glatt vergessen, wie blass und fremd mir Corvo dabei als Charakter bleibt. Die Geschichte kann man mit viel gutem Willen als ‘funktional’ beschreiben. Hier wäre deutlich mehr drin gewesen. Doch das wird durch das frische Steampunkszenario mit der faszinierenden Stadt Dunwall und dem grandiosen Art-Design wettgemacht. Wenn die Arkane Studios es schaffen, bei einem möglichen zweiten Teil eine bessere Geschichte zu erzählen und den Umfang zu steigern, dann wäre das eines der besten Spiele, die ich mir vorstellen könnte.

Ich jedenfalls hoffe auf solch einen zweiten Teil.

 

Text & Fotos: Mathis Gilsbach

 

Possession – Geisterstunde

Alte Schachtel (Foto) sucht neuen Wirt (Natasha Calis).

Auf einem Garagenhofverkauf findet die kleine Em (Natasha Calis) eine kleine, mysteriös aussehende Holzkiste. Völlig vernarrt in die Holzschnitzereien und seltsam von ihr angezogen, überzeugt sie kurzerhand ihren Vater, die Schatulle für sie zu kaufen. Zu Hause angekommen schickt sich der in den Tiefen der Holzkiste lauernde Wahnsinn an, die Kontrolle über die Kleine zu übernehmen. Es ist von nun an am Vater (Jeffrey Dean Morgan), so schnell wie möglich eine Lösung zu finden und so den bösen Dibbuk aus der Tochter zu vertreiben.

Zur Story muss man dann auch nicht mehr viel hinzufügen. Filme, die den Exorzismus zum Thema haben, gab es ja in den letzten Jahrzehnten in Hülle und Fülle. Horrorfans erwartet dabei, bis auf den Umstand, dass dieses Mal nicht die Christen den Tag retten, also eigentlich nichts Neues. Kinogänger mit Anspruch und einem Faible für sehr gut inszenierte Filme könnten dennoch auf ihre Kosten kommen. Denn so unoriginell die Story ist, so hat er den anderen Schockern doch etwas Elementares voraus: Er wirkt alles andere als billig. Jeffrey Dean Morgan, als leicht im Job untergegangener Vater, liefert gemeinsam mit Film-Tochter Natasha Calis eine sehr ansprechende Performance ab.

 

Filminfos:

“Possession – Das Dunkle in Dir”

Kinostart: 08. November 2012

Regie: Ole Bornedal

Darsteller: Jeffrey Dean Morgan / Kyra Sedgwick / Madison Davenport / Natasha Calis

 

Text: Moritz Schwertner

Foto: pt

007 Skyfall – Der beste Bond aller Zeiten?

Oldtimer unter sich?

Oldtimer unter sich?

Keine Filmreihe hat so viele Jahre auf dem Buckel wie die Streifen um den smart-charmanten MI-6 Agenten James Bond. Ob er seine Lizenz zum Töten überhaupt noch verdient, oder eher ins Altersheim gehört, klärt unsere Filmrezension zum neuesten Bond: Skyfall.

Ein Mann, ein Tunnel, ein Schuss; Blut läuft langsam die Leinwand runter. Ganz klar – Bond ist wieder da! Nach vier Jahren Pause kehrt der wieder Aston Martin fahrende Spion endlich auf die große Leinwand zurück.

Genau 50 Jahre sind ins Land gezogen, seit mit “James Bond jagt Dr. No” Sean Connery die Ära des britischen Superspions offiziell begründete. Insgesamt 23 Filme zählen mittlerweile zur aktuellen Bond-Reihe, sechs verschiedene Agenten mit der Lizenz zum Töten, vom eben genannten Connery über den verschmähten George Lazenby, Roger Moore und Co., machten dabei mittlerweile Jagd auf Bösewichte. Und nun ist, zum dritten Mal in Folge, der 44-jährige Brite Daniel Craig (Layer Cake; Cowboys & Aliens) an der Reihe, das Empire vor Terroristen zu schützen. Die Filme zuvor, namentlich das Remake des Klassikers Casino Royale und die verfilmte Fleming-Kurzgeschichte Ein Quantum Trost, zwei Filme, die tatsächlich aufeinander aufbauten, waren allerdings recht kontrovers in die Diskussion geraten – schließlich zeigten sie einen Bond von Rache und Wut übermannt, wild um sich schießend und seine so geliebten Prinzipien über Bord werfend. Ein Novum in der Serie, und ein offenkundiger Bruch mit der vorherrschenden Erzählweise – schließlich erwartete man einen smarten und charmanten Briten mit braunen Haaren und keinen blauäugigen Actionhelden in bester Schwarzenegger-Manier. Mit Sam Mendes (bekannt vor allem durch seine Regie bei “American Beauty”) auf dem Regie-Stuhl sollte sich das allerdings wieder ändern. Und tatsächlich schuf man mit Skyfall, lose übersetzt “Himmelssturz”, endlich wieder einen Bond, wie man ihn kennt und liebt: Charmant, mit einer brise Selbstironie und Witz. Man könnte sich schon fast an alte Zeiten erinnert fühlen, wären da nicht die offenkundigen Sticheleien gegen die alten Ideale. Der neue Q(uarter Master), gespielt von Ben Wishaw (Das Parfüme), bringt es dabei direkt beim ersten Treffen mit Bond auf den Punkt: “Was haben Sie erwartet? Explodierende Stifte bauen wir nicht mehr.“. Und damit muss man sich, so sehr es im Hinblick auf die früheren Filme auch schmerzen mag, endlich einmal abfinden. Der Kalte Krieg, eigentlich das Thema der originalen Bondbücher, ist längst Geschichte. Und bei Sony, dem Geldgeber für den insolventen “Metro Goldwyn Mayer”-Konzern, scheint man das auch erkannt zu haben.

Also doch nicht wieder alles beim Alten? Gewiss nicht: Bond, so wie er zum letzten Mal mit Pierce Brosnan auf der Leinwand zu sehen war, wird es in der Form wohl nicht mehr geben. Man hat bereits mit Casino Royale gezeigt, dass man sich wieder mehr auf die Person konzentrieren möchte, die sich Fleming für den smarten MI-6 Agenten auch ausgedacht hatte. In diesem Sinne waren die vorherigen beiden Craig-Teile auch tatsächlich näher dran am Original als kein Bond jemals zuvor – auch wenn dies für manch einen, der die Bücher nicht gelesen hat, kaum zu glauben ist.

Story-technisch ist man jedenfalls auch im 21. Jahrhundert angekommen und verabschiedet sich von den allzu unglaublichen Konstrukten früherer Teile. Kein Super-Spiegel, der die Welt erhitzen soll, kein Dr. No, der die Weltherrschaft mit Nuklearraketen an sich reißen möchte. Vielmehr greift man mit dem Schurken und ehemaligen Doppelnull-Agenten “Silva” (gespielt von Javier Bardem, bekannt aus “No Country For Old Men”) und seinem Cyber-Terrorismus ein top-aktuelles Thema auf, und präsentiert ihn als einen Joker ohne Schminke, aber mit Prinzipien, der die Welt zugrunde gehen sehen möchte. Dabei reagiert er ähnlich rücksichtslos, ziemlich obsessiv und wirkt dabei auch noch ausgesprochen gruselig. Man hat sich an dieser Stelle ganz eindeutig an Heath Ledgers großem Auftritt in The Dark Knight orientiert und sich davon inspirieren lassen, aber den Bösewicht mit Bardem fantastisch besetzt und in die Story eingebunden. Ohne Übertreibung sicherlich einer der besten Bösewichte der letzten Jahre, und ganz eindeutig der rücksichtsloseste, den Bond jemals zur Strecke bringen musste.

Ebenfalls in bester Bond-Manier sind einmal mehr die Schauplätze. Wer bei den großartigen Sets, allen voran Shanghai, nicht sofort Lust auf Urlaub bekommt, dem kann nicht weiter geholfen werden. Set-Design, Beleuchtung und Co. passen perfekt und wirken edel wie eh und je.

Ist Skyfall mit der Startnummer 23 also die absolute Numero Uno? Geht es nach den vorigen zwei Filmen mit Daniel Craig in der Hauptrolle, dann ganz bestimmt. Für alle anderen gilt: Wer den Fleming-Bond in den Büchern schon immer bevorzugt hat, wird hier auf keinen Fall enttäuscht. Alle anderen werden mit dem neuen Bond sicherlich wieder ein Stückchen versöhnlicher gestimmt und mit Hoffnung auf den nächsten Bond warten. Denn der kommt bestimmt: “James Bond will return” kullerte am Ende wieder die Leinwand hinab – angeblich bereits in 2014.

 

Filminfos:

“James Bond 007 – Skyfall”

Kinostart: 01. November 2012

Regie: Sam Mendes

Darsteller: Daniel Craig / Javier Bardem / Judi Dench / Ralph Fiennes

 

Text: Moritz Schwertner

Foto: pt

Maximum the Hormone – Brachialer Nu-Metal aus Japan

 

V. l. n. r.: Uehara, Daisuke, Nao, Ryu

Fällt der Begriff J-Music (wahlweise J-Rock oder J-Pop), denken viele zunächst entweder an riesige Girlgroups (ala AKB48) oder an düster überschminkte Gestalten aus dem Visual-Kai-Bereich (Gackt ist hierzulande wohl am bekanntesten). Diese zwei Phänomene erfreuen sich in Japan, teilweise aber auch außerhalb, zwar einer ungebrochen großen Beliebtheit, jedoch hat der japanische Musikmarkt noch viel mehr Verrücktheiten für jeden Geschmack zu bieten.

Eine Gruppe, die sich durch einen sehr eigenständigen Stil auszeichnet, wollen wir an dieser Stelle näher vorstellen: Die Punk/Nu-Metal Band „Maximum The Hormone“ (kurz: MTH). Gegründet 1998, besteht die Band nach zwei Mitgliederwechseln inzwischen aus dem Leadsänger Daisuke-Han (eig. Daisuke Tsuda), dem Gitarristen Maximum the Ryokun (eig. Ryo Kawakita), dem Bassisten Ue-Chan (eig. Futoshi Uehara) und der Schlagzeugerin Nao (Nao Kawakita).

Ihre Musik zeichnet sich aus durch ein Wechselspiel zwischen brachialen Parts mit mehr Geschrei als Gesang und stark verzerrten Gitarren, gepaart mit eher melodischen Passagen mit klarem, höherem Gesang, auch von Schlagzeugerin Nao. Dadurch haben die Songs eine starke Dynamik und Energie.

Erklärtes Ziel der Band ist es so viel Spaß wie möglich zu haben und dieses Gefühl auch dem Publikum zu bieten. Dementsprechend kann man keine tiefgründigen Texte erwarten, manche sind sogar eher sinnfrei. MTH achten mehr darauf die Texte so zu gestalten, dass sie sich gesungen sehr gut in die Musik einfügen. Das führt zu einer ausgeprägten Rhythmik in den Liedern.

Die Texte sind fast ausschließlich auf japanisch, haben aber, wie im J-Rock generell üblich, häufig einige englische Versatzstücke. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Song Koi no Megalover, wo sich die Zweisprachigkeit schon im Titel andeutet.

Erwähnenswert sind auch die Musikvideos, die teilweise sehr surreal anmuten – ein Anspiel Tip ist “Bikini Sports Ponchkin“.

MTH haben bislang sechs Alben veröffentlicht, das letzte im Jahr 2007 (Bu-ikikaesu).

Live kann man sie in unseren Gefilden eher selten erleben, da sie hauptsächlich in Japan und Umgebung unterwegs sind. Ab und an unternehmen sie jedoch kleinere Tourneen durch die USA oder Europa. Dabei waren sie auch schon in Deutschland zu sehen, das letzte mal in 2011.

 

Persönliches Fazit: Ich mag Maximum “The Hormone” insbesondere wegen der Energie und guten Laune, die sie ausstrahlen. Man hört einfach dass sie unglaublich Spaß daran haben auf der Bühne und im Studio die Sau rauszulassen. Ich kann sie jedem empfehlen der Gruppen wie etwa KoЯn (in fröhlich) schätzt und sich nicht von japanischen Texten abschrecken lässt.

Meine Empfehlungen:

Koi no Mega Lover

Bikini Sports Ponchkin (besonders wegen dem dazugehörigen Musikvideo)

Rei Rei Rei Rei Rei Rei Rei Rei Ma Ma Ma Ma Ma Ma Ma Ma

Whats up people

Minoreba Rock

 

Über den Autor:  Er interessiert sich schon seit einigen Jahren sehr stark für die japanische Kultur, sowohl für die traditionelle als auch die moderne, in unseren Augen etwas verrücktere. Im August 2012 hatte er die Chance an einem zweiwöchigen Schüleraustausch nach Japan teilzunehmen um so den dortigen Alltag hautnah mitzuerleben. Derzeit plant er einen längeren Aufenthalt und ein anschließendes Studium der Japanologie.

Text: Mathis Gilsbach

Foto: pt

 

Taken 2 – Familiendrama fortgesetzt

… Der böse Bryan (Liam Neeseon) in spé.

Eineinhalb Jahre sind seit den Ereignissen des ersten Teils ins Land gestrichen. Die Familie um Bryan (Liam Neeson) wiegt sich endlich wieder in Sicherheit. Zeit, aus dem Trott zu Hause rauszukommen und Urlaub zu machen. Da Bryan wegen eines Auftrags bereits in der Türkei, genauer Istanbul, verweilt, wird kurzerhand beschlossen, gemeinsam, nach getaner Arbeit, dort noch ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Doch im Hintergrund fangen die Bösen wieder an, allerlei Zwielichtiges zu planen – schließlich müssen die Jungs, die im ersten Teil Bryan zum Opfer fielen, gerächt werden. Also macht sich eine Truppe, angeführt von “Boris the Blade”-Schauspieler Rade Serbedzija, von gescholtenen und von Rache verzehrten Bosniern auf, um Bryan zu finden, zu foltern und schlussendlich sein Leben genauso zu beenden wie das ihrer Söhne.

War Liam Neeson im ersten Teil noch absolut rücksichtslos und kaltblütig auf der Jagd nach den Jungs aus Tropoja, geistert er jetzt, seltsam steif und permanent außer Atem, durch eine dunkle Gasse nach der anderen. Auch seiner Tochter mag man ihren, wenn auch nur kurzen, Ausflug als des Retters Aushilfe im ersten Drittel des Films nicht so recht abnehmen. Was sich das Team um Luc Besson (Drehbuch und Produktion) und Olivier Megaton (Transporter 3) bei dieser Fortsetzung gedacht hat, bleibt fraglich. Alles das, was den ersten Teil ausgemacht hat und seltsam einzigartig wirken ließ, wurde schlichtweg kopiert und in ein anderes Land verfrachtet. Minuten vergehen, in denen unser Protagonist durch irgendwelche verwinkelten x-beliebigen Gassen wandelt, ohne dass irgendetwas spannendes, ja aufregendes, passieren möchte. Auch der neue Bösewicht bleibt weit hinter dem zurück, was er hätte sein können.

Was bleibt, ist eine 90-minütige, gähnend langweilige Filmfortsetzung ohne Spannung, besondere schauspielerische Leistungen oder eine besonders tolle Produktion. Da weiß auch die mittlerweile erwachsene Kim (Maggie Grace) mit ihren freizügigeren Momenten nicht drüber hinwegzutäuschen. Und das ist hier das echte Drama!

 

Filminfos:

“96 Hours 2 – Taken”

Kinostart: 11. Oktober 2012

Regie: Olivier Megaton

Darsteller: Liam Neeson / Famke Janssen / Magie Grace / Rade Serbedzija

 

Text: Moritz Schwertner

Bis dass die Füße bluten – Ein ganz normaler Wandertag im Sauerland

(C) 2012 Moritz Schwertner

Erste Anzeichen für den Weltuntergang?

Die Füße schmerzen, die Oberschenkel geben widerwillig den von mir gewollten Bewegungen nach. Zum ersten Mal seit Jahren frage ich meinen Vater, ob wir denn jetzt bald mal da sind. “Da drüben! Siehst du den Turm da?” fragt, er ist dabei ganz aus dem Häuschen. Ich knurre ein “Ja”, halb aus meinem Mund, halb aus meiner Magengegend. “Das ist der Ettelsberg in Willingen.”. Mir dämmert es langsam, wo wir uns befinden: Eine geschätzte Ewigkeit entfernt von unserem Zuhause für dieses Wochenende, dem Campingplatz in Bruchhausen, nahe Olsberg.

Es ist ende Mai im Jahr des Weltuntergangs, die Sonne brennt auf unseren unbedeckten Köpfen, die Hunde hecheln wie sonst was – kurzum: Es ist warm. Sehr warm. Was liegt also näher, als sich mal gehörig die Füße zu vertreten? Wir starten etwa zur Mittagszeit von unserem Familien-Ferien-Domizil im beschaulichen Bruchhausen. Die ersten gut 1.5 Kilometer laufen sich angenehm wie sonst auch. Es ist eine mir hinreichend bekannte Strecke, schon in Kindheitstagen bin ich hier mit Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Schlitten im Winter her geradelt, gelaufen und gerutscht. Alles “easy” bis hier hin.

Das ändert sich aber schlagartig, als wir dann vom Weg abbiegen und, Schande über unser Haupt!, querfeldein durch den Wald nach oben gehen, eher steigen. Eine Abkürzung, wie mein Vater mir in treuer Manier zu versichern versucht. Also aufwärts. Es ist keineswegs untertrieben nach diesem Marsch, durch den Wald mit seinen an hochalpine Gebiete erinnernde Steigungen, zu berichten, dass wir danach ziemlich nass geschwitzt waren. Ein kurzer Blick nach unten in Richtung Tal verrät auch wieso: Im Skigebiet wäre das wohl eine schwarze Piste gewesen.

(C) 2012 Moritz Schwertner

Expedition Disney Wald?

Aber weiter, weiter Richtung Hochheide – unser Teilziel für heute. Dazu durchqueren wir, umgeben, ja fast schon umschlungen von Tannen und allerlei anderem Gehölz, an frühe Disney-Filmklassiker erinnernde Schauplätze. Von einer malerisch von der Sonne ins rechte Licht gesetzten Lichtung zur anderen. Man kann noch so muffig sein nach dieser anfänglichen Tortur – spätestens hier wird einem warm ums Herz (wenn dem nicht vorher schon durch Schweiß oder Hitze so ist).

An einer alten Skiroute vorbei (jedenfalls war sie das für mich in meiner frühen Kindheit) kommen wir dann wieder auf eine große Lichtung. Nicht irgendeine, nein, wir befinden uns geradewegs auf einer im Winter recht stark frequentierten Skipiste. Der Sterndrodt, mittlerweile ein “Erlebnisberg” (verspricht jedenfalls die Info-Broschüre), auf dem wir uns befinden, oder stehen, oder was auch immer, lädt zum kurzzeitigen Verschnaufen ein. Den “Mörderausblick” in bester Sauerlandmanier gibt’s kostenlos noch dazu. Hier kann man das erste Mal recht genau abschätzen, dass man schon einige Kilometer in Richtung Süd-Osten hinter sich gebracht hat. Ein erstes Erfolgsergebnis für den nicht so wanderfesten Städter.

(C) 2012 Moritz Schwertner

Die Hochheide

Kurz darauf verschwinden wir wieder in einem hübsch anzusehenden Nadelwald. Ein schattiges Plätzchen, welcher mit schlammhaltigen Pfützen nur so durchsetzt ist. Gut möglich dass diese einmal von einem Förster mit seinem Geländewagen in den Waldboden gefräst wurden. Jedenfalls animiert es einen die letzten Energiereserven kurzzeitig in ein wildes Hin und Her springen zu investieren. Oder man geht einfach, faul wie eh und je, mitten durch die Pfützen durch – so wie meine beiden Jack Russel Terrier es mir vormachen. Einige Pilzsorten schießen hier und da aus dem Boden, Moos breitet sich großflächig aus. Und dann ist da diese Stille. Diese unheimliche Stille. Ist man sonst gewöhnt ständig etwas nebenher zu hören, so wird man hier fast schon enttäuscht. Ab und an hört man mal ein leises rascheln in der Ferne, ein Zirpen. Manchmal aber auch nur ein Privatkonzert kleiner Vögel. Aber ansonsten: Stille. Kaum vorstellbar dieser Zeit und erst recht nicht mit der vermeintlichen Stille zu Hause zu vergleichen.

Langsam wird’s wieder heller, die Sonne kommt raus; und was ich, aus dem Wald gekommen, erspähe, erschreckt mich schon ziemlich. Eine ganze Lichtung, mehrere Fußballfelder groß, vollständig abgeholzt. Kyrill, der Orkan aus dem Januar 2007, kommt zurück ins Gedächtnis. Windgeschwindigkeiten von bis zu 225 km/h spielten zwischen dem 18. und 19. Januar ein Spiel mit den Bäumen, das sie nur verlieren konnten. Was nun vor mir liegt, erinnert seltsamerweise auch erschreckend an Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg. Nur eben viel aufgeräumter. Ein bleibender Eindruck für die, die immer gedacht haben, dass Naturgewalten nicht der Rede wert sind.

(C) 2012 Moritz Schwertner

Panorama a la Sauerland

Und dennoch laufen wir einfach weiter – der Durst jagt uns den gefühlt endlosen Weg durch die Beinahe-Prärie links und rechts von uns. Zum ersten Mal auf diesem Spaziergang bekommen wir auch mal wieder frei lebende Menschen zu Gesicht. Rentner, mit Stöcken bewaffnet, und todesmutige Mountainbiker queren vereinzelt unseren Weg. An der Hütte angekommen erinnert einen die Stimmung an Tante Gertrudes 80. Geburtstag. Kuchen, im Hintergrund dudelt irgendwo schlechter Schlager, kein Alkohol, kleine “Fiffies” die permanent nerven, lediglich die zwei, drei Fahrradfahrer passen nicht ins Bild. Das bestellte alkoholfreie Weizen ist wie versprochen kalt und feuchtet die trockene Kehle soweit an das Wir nach einer kurzen Verschnaufpause auch wieder unsere Beine in die Hand nehmen können – und lassen damit die Rentner wieder Rentner sein. Den Kuchenvorrat hatten sie eh bereits vollends vernichtet.

Einige Minuten später stehen wir auf dem vorläufigen Höhepunkt unserer kurzen Reise: einen kleinen Hügel, mitten in der Hochheide. Ein unglaubliches Panorama mit einem schier unendlich wirkendem Rundblick breitet sich vor uns aus. Kein IMAX-Kino auf diesem Planeten kann diese Weite so scharf und detailgenau wiedergeben wie das, was wir an diesem Tag vor uns sehen. Zwar hängen einzelne Wolken vor uns, störend wirkt allerdings davon nicht eine einzige. Ein Ort, der zum nachdenken und ausgiebigen Pausieren nur so einlädt.

(C) 2012 Moritz Schwertner

Steppe für die Städter

Wurzeln schlagen ist trotzdem nicht erlaubt: Wir wollen ja schließlich noch weiter. Immerhin haben wir an diesem Punkt bereits knapp die Hälfte des Weges hinter uns gebracht. Was nun aber noch folgt, ist eine sehr eigenartige, aber vor allem einzigartige, Steppe; die sogenannte Hochheide. Der Boden ist nur so von Gestrüpp bedeckt, alles ist wundersam grün mit Tupfern aus Purpur, nur vereinzelt stehen ein paar Bäume wie versehentliche Kleckse in der unbefleckten Natur. Eine echte Tundra eben, aber eben mitten im Sauerland. Entstanden ist diese vor rund 10.000 Jahren durch das besondere Klima mit Wind und Schnee in Verbund mit besonders kargen Böden.

Für den Rückweg wählen wir eine Route die uns an den “Bruchhauser Steinen” vorbeibringen soll, also laufen wir den bekannten “Rothaarsteig” (wenn auch nur teilweise) entlang. Und siehe da, kurz vor dem letzten Abstieg, auf einem abgelegenen Feld- und Forstweg dann das: ein noch recht junger Fuchs nagt, in relativ sicherer Distanz, vor uns an einer erbeuteten Blindschleiche. Für einen kurzen Augenblick schaut er dann auch in unsere Richtung – um daraufhin wieder im Gestrüpp zu verschwinden. Neid macht sich breit, schließlich haben wir alle, die Hunde eingeschlossen, Hunger. Also, ein letztes Mal, sich etwas beeilen. So vergehen dann auch die letzten (Kilo)Meter wie im Flug.

Was von so einem Tag bleibt, sind weder die Schmerzen, noch die anfängliche Schlaffheit, noch sonst etwas Negatives. Vielmehr bleibt einem die wohlige Gewissheit etwas geschafft zu haben, eine Mörderstrecke von 18 Kilometern abgelaufen zu sein und tatsächlich mal etwas Echtes erlebt zu haben. Die wunderschöne Landschaft dabei zu erforschen, mal hier und da stehen zu bleiben, ist dabei das oft beschriebene “I-Tüpfelchen”. Besser als jeder Film, schärfer als jede Fotografie. Schmerzende Füße vom Marsch?

… Geschenkt!

 

Ein paar Tipps für mutige Nachahmer:

Man sollte unbedingt Verpflegung mitnehmen. Lieber etwas mehr einpacken als später quengelnde Mitreisende zu ertragen. Auch eine Wanderkarte samt Kompass ist empfehlenswert, durch die Dichte an Beschilderungen aber nicht zwingend erforderlich. Festes Schuhwerk und vernünftige Socken sind definitiv von Vorteil, eine coole Jeans muss allerdings nicht unbedingt sein und sollte lieber durch eine bequemere ersetzt werden. Viel Zeit mitzubringen ist auch ungemein wichtig. Schließlich bringt es nichts auf Bestzeit zu laufen zumal es allen Mitreisenden wie einem selber nur den Spaß verdirbt. Zu guter Letzt: Eine Kamera darf auf gar keinen Fall fehlen!

 

Die Route aus der Luft.
(C) 2012 Google Maps

 

Text & Fotos: Moritz Schwertner 

Abraham Lincoln – Vampirjäger – Geschichtsunterricht mal anders

Präsident Nr. 16 mal ganz anders

Kentucky, 1820. Nach einem Streit am Pier stirbt Abrahams Mutter unter mysteriösen Umständen an seltsamen Bissspuren. Geplagt von der Tatsache, dass er selber das Attentat in jungen Jahren mit ansehen musste, schwört er Rache – und trifft so im Mannesalter auf den Vampirjäger Henry (Dominic Cooper). Dieser eröffnet ihm dann auch gleich, dass die gesamten Südstaaten von Vampiren nur so unterlaufen sind und sich anschicken ganz Nordamerika zu besetzen. Kurzum beschließt Henry den jungen Abraham (Benjamnin Walker) ebenfalls zum Vampirjäger auszubilden damit dieser endlich Rache nehmen kann und, mehr nebenher, die mutierten Sklaventreiber auszumerzen. Natürlich hält ihn die ganze Plackerei kaum auf, seine in der Geschichte manifestierten Ziele zu erreichen …

Gleich vorweg: Wer hier eine Ausflucht aus dem Geschichtsunterricht sucht, wird mit einem Halbwissen belohnt, das nicht der Rede wert ist. Das Grundgerüst der Geschichte ist zwar durchaus richtig, der Rest aber ist, wen wundert’s, absolut frei erfunden. Die Vampire damit natürlich (oder leider?) auch. Dennoch weiß der neue Film vom Wanted-Regisseur Timur Bekmambetov durchaus zu unterhalten. Das liegt mitunter daran, dass Vampire, nach Jahren der Kastration, endlich nicht mehr nur in der Sonne glitzernde Tunten sind. Abraham Lincoln Darsteller Benjamin Walker überzeugt in seiner ersten größeren Rolle zwar keineswegs und auch auch sein Kompagnon Dominic Cooper als cooler Vampirjäger ist etwa so eisig wie eine Packung TicTac für Kinder. Dafür weiß aber die gesamte Inszenierung, wenn auch mit zweifelhaften Passagen (wie die mit den entlaufenden Pferden), im richtigen Kontext gesetzt zu überzeugen. Dieser lautet wie folgt: Beste Freunde einladen, Bier holen und Spaß haben. Wenn Geschichte doch immer so abgedreht wäre!

 

Filminfo:

“Abraham Lincoln – Vampirjäger”

Kinostart: 03. Oktober 2012

Regie: Timur Bekmambetov

Darsteller: Benjamin Walker / Dominic Cooper / Mary Elizabeth Winstead

 

Text: Moritz Schwertner